Entwurf zu einem Versuch
… nun scheint es mir doch nötig zu sein, mich zu Kayas ‚Nachklang zum vergangenen Wochenende‘ nach reiflicher Überlegung noch zu Wort zu melden:
Auf die hypothetische (weil sie ja an dem Gemeinschaftswochenende so nicht gestellt wurde) Frage, mit der Kaya ihre Ausführungen begann, wäre meine Antwort etwa die gewesen:
Ich wünsche mir, darin gesehen zu werden, dass es seit dem zu meinem ursprünglichen Antrag so abgeschwächten Beschluss der MV, der Aussetzung der Probemitgliedschaft von Hr. Badrow, mir zunehmend schwer fällt, mich in der Gemeinschaft, deren Mitglied ich bin, auch in der Hoffnung auf gewaltloses, offenes, vertrauensvolles Miteinander, wie gewünscht bewegen zu können. Seitdem ist unser Haus – entgegen meinem erklärten Willen – aus einem grundlegenden Sicherheitsbedürfnis heraus immer abgeschlossen. So habe ich mir ein Zusammenleben in einer Gruppe von Menschen, die sich ‚Gemeinschaft‘ nennt, NIE gewünscht!
Ich bin heute noch jedem/er Lebensgärtner/in, der/die damals diesen Minimalbeschluss mitgetragen hat, zu tiefst dankbar! Ohne den wäre ich heute gewiss nicht mehr Teil dieser Gemeinschaft (was manche von Euch vermutlich begrüßen würden).
Allein die verharmlosenden und verschleiernden Formulierungen zur Umschreibung dessen, was zu dem Aussetzen von Hr. Badrows Probemitgliedschaft geführt hat, empfinde ich als grob unsensibles, rücksichtsloses Wiederaufreißen einer Wunde, deren Tiefe und Ausmaß offenbar kaum jemand nachempfinden kann, dem diese Verletzung nicht unmittelbar zugefügt wurde.
Wie Kaya zu dieser (unerklärten!) Darstellung von angeblich mehr als 1.000 ehrenamtlichen Stunden von Hr. Badrow zugunsten der Gemeinschft kommt, bleibt mir verschlossen. Danach müsste Hr. Badrow während eines vollen Arbeitsjahres mit 220 Arbeitstagen täglich 4,55 Stunden für den Verein geleistet haben. Das soll in einem Zeitraum, während dessen er keinen Zugang zum Gemeinschaftsgebäude hatte (woran er sich unter anderem mehrmals nicht gehalten hat!), geschehen sein? Von „mehr als 1000 ehrenamtlicher Stunden“ müsste doch irgendwo irgendetwas zu sehen sein.
Weiter im Text schreibt Kaya:
„… er hat Sachen gemacht die nicht in Ordnung sind …“ empfinde ich als so schamlose Verfälschung und Verschleierung des Tatausmaßes von Hr. Badrows Verhalten, dass ich massiv an der Sensibilität zweifeln muss, in der sie bemüht ist, sich darzustellen.
Nicht nur der Täter, auch die Opfer haben berücksichtigenswerte Empfindungen und Gefühle.
Nicht „jemand“ hat Hr. Badrow in die ‚soziale Isolation‘ geschickt“, sondern für sein Verhalten und dessen Folgen ist – wie jeder andere Mensch auch – doch wohl immer noch jeder selbst verantwortlich. Der Aussetzungsbeschluss durch die MV war das Mindestmaß an Selbstschutz vor einem Menschen, den „seine inneren Stimmen“ zu Handlungen zwingen, die er selbst ganz offensichtlich nicht mehr unter Kontrolle hat und vor denen sich zu fürchten jedes Kind und jede Frau und jeder friedliebende Mann wahrlich allen Grund hat!
Dass durch eine (aktive?) Teilhabe Hr. Badrows an der Gemeinschaft andere Mitglieder in die soziale Isolation getrieben würden, scheint in Kayas Überlegungen offenbar überhaupt keine Rolle zu spielen.
Ich habe großes Verständnis dafür, wenn Menschen die/denjenigen, die/den sie lieben durch eine ‚rosa Brille‘ sehen, aber gegen solche Versuche der emotionalen Manipulation, wie Kaya sie hier unternimmt, sehe ich mich gezwungen, mich aufs entschiedenste zur Wehr zu setzen. Solcherart Spaltpilze zu säen wird jede Gemeinschaft über kurz oder lang zerstören …
Resümee:
Kayas Plädoyer zugunsten von Hr. Badrow muss ich (ganz neidlos und ohne Ironie!) als Meisterinnenstück bezeichnen. Dagegen lesen sich selbst Gerichtsreportagen von Peggy Parnass als blasse Aufsätze auf Praktikantinnenniveau. Die Strategie des Plädoyers ist perfekt beherrscht und mit aller Raffinesse ausgespielt:
1) Lasse zwischen dem Ereignis und der Verteidigungsrede möglichst viel Zeit vergehen. Das Gedächtnis der Menschen ist erstaunlich kurz und andere Ereignisse ziehen die Aufmerksamkeit auf sich und helfen ‚die Wogen zu glätten‘.
2) Lege die eigenen ‚Schwächen‘ offen, das erzeugt beim Leser Verständnis und Mitgefühl.
3) Stelle die Ereignisse mit möglichst verharmlosenden Worten dar und zeige Verständnis für die Opfer. Das schafft eine Stimmung der Sympathie und des Ausgleichs.
4) Arbeite möglichst vorsichtig und vage die ‚positiven‘ Charakterzüge der strittigen Person an kleinen Beispielen der ‚Mitmenschlichkeit‘ heraus.
5) Bringe einen Schuss ‚Love-Affair‘ in deine Geschichte. Das zeigt, dass Du sensibel bist, dich mit allen Facetten der Person gründlich beschäftigt hast und verbreitet einen ‚Duft von Rosen und Lavendel‘.
6) Wiederhole in abgeschwächten Formulierungen einige Aspekte des Für und Widers (Redundanzen helfen, die eigene Argumetationslinie zu unterfüttern, dabei ist es nicht mehr nötig, nahe an den Fakten zu bleiben!).
7) Bringe eine Komponente der ‚Menschlichkeit‘ in die Debatte, die möglichst weit vom Thema weg ist, aber gut in die (vorher vorbereitete) Stimmungslage passt. (bedenke und nutze dabei auch Strukturen des kulturellen Umfelds wie beispielsweise ein bevorstehendes ‚Friedensfest‘).
8) Benutze in einer überraschenden Wende einen Begriff der krassen Übertreibung zur Charakterisierung der Person, die Du verteidigst. Das führt bei den Lesern/Zuhörern zu reflexhafter Solidarisierung. (z.B. …er ist kein ‚Schwerverbrecher‘). Das funktioniert auch und gerade dann, wenn der benutzte Begriff nie vorher zur Diskussion stand.