Nächtliche Gedanken zu einer möglichen kreativen und konstruktiven Lösung rund um das Thema der Gemeinschaftsstunden (ich mag das Wort Pflichtstunden nicht und nehme ersteres im folgenden Text mal als Arbeitstitel) – für alle, die es lesen wollen, vor allem auch für Sozialkreis, Vorstand und Leitungsteam geschrieben
In meinem Bücherregal steht schon länger ein Buch mit dem Titel “Creative Conflict“, welches ich sehr mag, weil es so sehr das kreative Potenzial in einem Konflikt betont, die Kreativität, die ein Konflikt benötigt, weil die Lösung wie so oft außerhalb des Problems liegt. In den letzten Tagen erreichten mich so einige Mails um dieses Thema – E-Mails, die an private Verteiler gingen von Menschen, die durch das Thema der Gemeinschaftsstunden in echte Bedrängnis geraten sind – vieles davon sehr nachvollziehbar und doch fragte ich mich, was denn nun die Konsequenz von alledem sei für ein weiteres Vorgehen innerhalb der Gemeinschaft. Der Infogarten war in den letzten Wochen auch nicht schlecht mit Meinungen und Haltungen bestückt, wer nun welche „leisten“ soll und wer nicht und auch hier konnte ich die unterschiedlichen Sichtweisen fühlen und frage mich: was brauchen WIR an diesem Punkt? Wo gibt es vielleicht Wege zusammen zu finden, wo es gerade nicht danach aussieht? Wer ist dieses WIR und wie habe ich darauf Einfluss, wenn es mir ein Anliegen ist?
Wo liegt also bei diesem Thema das kreative Potenzial, worin sollen wir zusammen hineinwachsen – wenn wir es denn wollen…
Selbst wenn die MV rechtskräftig ohne ein oder mehrere Vetos beschließen sollte, dass diese Stunden nun eingeführt werden, wird dies, in sehr vielen Menschen sehr viele unangenehme Gefühle hervorrufen und zwar dauerhaft. Ich glaube nicht, dass wir an einer grundlegenden, tieferen Auseinandersetzung als Gemeinschaft um dieses Thema herumkommen. Bisher haben wir es nur strukturell bearbeitet, die tatsächliche Ebene, die uns als Gemeinschaft zusammenhält, kommt darin erstmal nicht vor.
Das Stundenthema ist dem Geldthema sehr ähnlich, denn es geht um Wertschätzung des eigenen Tuns durch mich selbst und durch andere, um Zeitressourcen, um Kraftressourcen um die grundlegende Frage nach sinnhaftem Beitrag zum großen Ganzen und zur Gemeinschaft – alles wichtige Fragen, aber niemand kann da eine objektive Meinung abgeben und ich glaube die Superlösung für uns wird es da auf herkömmlichen Wege nicht geben.
Daher nun mein Vorschlag:
Ich möchte dafür plädieren, dass wir der vereinsrechtlich gültigen Beschlussfassung durch die MV (sprich – wir heben die Händer oder eben auch nicht) eine soziokratische Beschlussfassung voran gehen lassen. Diese Form der Beschlussfassung ermöglicht uns – ähnlich der Wahl – einen Raum und eine Atmosphäre, in der dieses Thema nicht abgekoppelt vom strukturellen Prozess separat sozial behandelt wird, sondern beides ineinandergreifen kann.
Vorteil ist, dass in dieser Beschlussformulierung das Ziel, das, was man damit erreichen möchte bereits festgelegt wird, nach etwa einem Jahr geprüft werden kann, ob es so noch sinnvoll ist und ggfs. an die eigentlichen Bedürfnisse der Gemeinschaft angepasst werden kann und das Ganze in sich mehr Möglichkeiten birgt als ja, nein, Enthaltung, Veto.
Dies könnte folgendermaßen geschehen:
- Es findet sich eine kompetente Beschlussleitung, die den Prozess gut moderieren kann.
- Es bilden sich – wie bei den Wahlen des Vorstands – Kreise von etwa 8 Lebensgärtnern, die zum derzeitigen Beschluss – jede/r Erwachsene Lebensgärtner möge zwei Gemeinschaftsstunden leisten – eine erste Runde machen, in der jeder ein ja oder schwerwiegende Bedenken zu diesem Beschluss teilen möge. Die Person, die jeweils die kleinen Kreise moderiert, hat die Aufgabe, die Bedenkenträger nach kreativen Variationen zu fragen, sodass sie ein „ja“ zum genannten Beschluss haben.
- wenn es Familien mit Kindern unter 16 Jahren freigestellt ist, diese abzuleisten.
- wenn sichergestellt ist, dass die anfallende Arbeit abgedeckt wird, auch wenn Familien mit Kindern die Stunden freigestellt wird. Sollte dies nicht der Fall sein, muss der Beschluss nach einem Jahr revidiert werden oder man findet Paten für Gemeinschaftsstunden, d.h. Menschen, die bereit sind, Stunden von anderen in schwierigen Situationen zu übernehmen, dauerhaft oder auf Zeit.
- wenn das Kreiieren und Vorbereiten von sozialen Räumen wie Gemeinschaftstagen o.ä. auch ein Rahmen ist, in dem diese Stunden anerkannt werden
- wenn jedem selbst überlassen wird, welche Arbeit er als Dienst an der Gemeinschaft ansieht oder es zumindest eine ausgereifte Auseinandersetzung darüber geben wird
- etc. etc.
- Aus all diesen Bedenken muss jeder Kreis eine Beschlussfassung formulieren, die vom Moderator eingesammelt wird und daraus ein Gesamtbeschluss im Sinne der Soziokratie entwickelt wird – good enough for now, safe enough to try – und schließlich rechtskräftig auf der MV abgestimmt wird.
- Nach einem Jahr oder einem halben wird geprüft, ob durch die Art des Beschlusses das Ziel erreicht wurde, das der Gemeinschaft wirklich dient oder ob der Beschluss revidiert werden muss.
Hierbei geht es nicht darum, den Befindlichkeiten aller eine Bühne zu geben, sondern der hohen Frustration und Verunsicherung, die dieses Thema auslöst einen angemessenen Rahmen zu geben, in dem sich Menschen sicher fühlen. Ist nämlich nicht der Fall!
Und: wir haben nie mit diesem Thema gearbeitet und stellen möglicherweise nach ein Jahr fest, dass Verwaltungsaufwand so horrende hoch ist, dass diese Stunden gar nicht überprüft werden können und so manches Herz könnte jetzt schon ruhiger schlafen. Oder wir mit den Stunden, die getan werden sowieso schon mehr als genug abgedeckt wird, oder, oder…
Der in Stein gemeißelte basisdemokratische Konsens ist meiner Meinung nach out, vor allem bei Themen, die die Identität und das Selbstverständnis einer Gemeinschaft derartig prüfen. Ja und worauf eigentlich prüfen?
Denn – so mal als Nebengedanke – sind wir dabei zu versuchen, unsere Struktur zu professionalisieren, um Arbeit auf mehrere Schultern abzuwälzen und vielleicht zu wenig die Frage gestellt zu haben, welchem kreativen und seelenvollen WIR diese Strukturen eigentlich gewidmet sind. Die sozialen Räume und das klare „Ja“ zu einem höher frequenten WIR (mal etwas eso ausgedrückt) müssen in jedem Falle einhergehen mit diesem äußeren Wandel, denn sonst – so mein Gefühl – kann die Gemeinschaft fragmentieren. Dabei geht es nicht darum, immer alle an jedem Punkt mitnehmen zu müssen – sondern darum, was und wem dies vor allem dient.
Und es geht auch nicht um Prinzipien: jeder muss diese beiden Stunden ableisten! Wozu? Wenn es eine kreative Lösung gibt, durch die die anfallende Arbeit geschieht ohne dass andere unter Riesenstress geraten, ist allen gedient und ich glaube, wir können als Gemeinschaft nur daran wachsen, wenn wir uns wirklich für etwas Neues öffnen, das aus unsere Mitte heraus geschieht, gerade WEIL die Wahrheit und das Wissen aller mit einbezogen wird.
Sollte dieser wie oben vorgeschlagene Prozess auch mit dem Mitgliedsbeitrag stattfinden, würde ich persönlich sagen:
Erhöhung ja, wenn fünf Euro der Differenz zum alten Beitrag pro Monat pro Mitglied für externe Begleitung zur Seite gelegt werden. Und ja, wenn Menschen denen pro Monat Existenzminimum oder weniger zur Verfügung steht, freigestellt ist, zwischen 40-50 Euro pro Monat zu zahlen. Oder ja, wenn sich freiwillig sowas wie „Duos“ finden können, bei denen der eine z.B. 40 Euro und der andere 60 Euro pro Monat zahlt. Schön, dass ich es mir leisten kann, aber ich weiß, dass für manche knapp wird.
Und auch hier sind die Meinungen und Gründe endlos, warum wer viel Geld hat und andere wenig – Tatsache ist, dass dieses Thema bisher aus allen sozialen Räumen wie Supervisionen udgl. ausgeklammert wurde, aber auch jetzt konkret für einige Druck bedeutet – was jedenfalls so an mich heran getragen wurde von vielen Seiten…
Auch wenn obiger Vorschlag einer soziokratischen Beschlussfassung nach einem langwierigen Prozess klingt, sollten wir uns die Mühe jetzt machen, bevor wir uns daran als Gemeinschaft zerreißen lassen oder Vetos einsammeln, womit niemandem gedient ist.
Danke, Maria! Für mein Gefühl super hilfreiche Gedanken und Vorschläge.