Food-Sharing

Liebe Menschen im Lebensgarten,

etwas Grundsätzliches vorweg

Was ich hier im Lebensgarten besonders liebe und achte ist die Vielfalt und die Toleranz Andersartigem gegenüber. Deshalb bin ich hier – immer noch – trotz der schwierigen und auch schmerzlichen Zustände, in die wir immer mal wieder geraten… Wir lernen und wachsen ?

Weil mir dieser Grundsatz so wichtig ist, schiebe ich nun seit über einem Jahr etwas vor mir her, was ich auf dem Herzen habe. Es geht um den Food-Sharing-Fairteiler. Nun muss es raus:

Von Anfang an, hatte ich kein gutes Gefühl bei der Einrichtung eines Food-Sharing-Fairteilers hier im Lebensgarten. Durch das monatelange Beobachten und In-mich-hinein-spüren hat sich dieses Gefühl gefestigt.

Ich bin nicht grundsätzlich gegen Food-Sharing. In Gegenden, wo Menschen auf Grund ihrer Situation in ihren Möglichkeiten und ihrer Entwicklung eingeschränkt sind, wie in sehr armen Gebieten, wo Menschen noch um das reine Überleben kämpfen, ist Food-Sharing eine wunderbare Sache.

Ich finde, das trifft auf uns nicht zu. Wir leben mit dem Privileg einer gewissen materiellen Absicherung und dem Anspruch, uns bewusst mit unserem Verhalten und dessen Auswirkung auf die Umwelt auseinander zu setzen. Auch mit der Frage: Wie ernähre ich mich, um damit mir und der Erde das Bestmögliche zu geben? Das macht uns verantwortlich.

Ich möchte ein wenig ausholen

Auch wenn ich uns noch nicht als Öko-Dorf bezeichnen kann, wertschätze ich unsere Bestrebungen auf dem Weg dorthin:

  • vielfältige Haussanierungen mit biologischen Baustoffen
  • die Möglichkeit, bei Ökologgia biologische Baustoffe beziehen zu können – ohne dafür ins Auto zu müssen
  • naturnahe Gärten, ohne Einsatz von chemischen Pflanzenschutz- und Düngemitteln
  • Solar-Energiegewinnung und E-Mobilität
  • ein großes Permakulturgelände, das uns eine Schutzzone zu den konventionell betriebenen Agrarflächen schenkt
  • Anbau von biologisch-dynamischem Gemüse direkt vor der Haustür (also auch saisonal, regional, ohne Verpackung, nachhaltig und absolut frisch!)
  • Bioprodukte zu wirklich günstigen Preisen in der LeDi – weitgehend verpackungsfrei
  • ein Waldkindergarten, in dem “unsere“ Kinder die Naturkreisläufe und-gesetze erfahren können
  • ein Seminarbetrieb, der vielfältige Angebote zum Thema Umwelt anbietet: Gesundheit, Ernährung, Bewegung, Ökologie, Wildnis-Pädagogik…
  • eine Seminarküche, die bemüht ist, im Rahmen ihrer finanziellen Möglichkeiten, ein vollwertiges, gesundes Essen anzubieten
  • Kayas Mittag-Essen-Angebot für Lebensgärtner mit dem Anspruch, der biologischen Vollwertigkeit noch mehr gerecht zu werden
  • … was habe ich vergessen?

Und es entstehen neue Konzepte, wie LeNa, die sich um Verknüpfung der schon bestehenden Projekte und die Ausweitung über den Lebensgarten hinaus bemühen. Da übernehmen wir Verantwortung. Und wenn es im zwischenmenschlichen Bereich mal wieder so richtig bei uns brodelt, dann sind es diese Dinge, die mich hierbleiben lassen.

zurück zum Food-Sharing-Fairteiler

Brauchen wir bei unseren guten Bedingungen im Lebensgarten (PaLS, LeDi, sehr günstiges, vollwertiges Mittagessen für die Gemeinschaft) überhaupt einen Food-Sharing-Fairteiler?

Ich weiß, dass es hier einige Menschen gibt, die mit sehr wenig Geld auskommen müssen oder sogar versuchen, ganz ohne Geld zu leben. Entbindet uns das von unserer Verantwortung? Meinen Beobachtungen zufolge bedienen sich auch viele Menschen mit guten finanziellen Bedingungen regelmäßig am Food-Sharing-Fairteiler. Ich frage mich, warum sie das tun.

Tragen wir da nicht auch eine Verantwortung unseren Kindern gegenüber? Verlockt der Food-Sharing-Fairteiler Kinder nicht dazu, jederzeit zu essen, statt einen Rhythmus von Mahlzeiten einzuhalten? Wie vermitteln wir ihnen die Wichtigkeit einer bewussten, gesunden und nachhaltigen Ernährungsweise, wenn wir nicht mit gutem Beispiel vorangehen und ihnen stattdessen minderwertige Nahrung jederzeit frei zur Verfügung stellen?

Könnten wir die Energie, die in die Organisation des Food-Sharing-Fairteilers fließt nicht eher dafür nutzen, den biologischen Gemüseanbau von Jean-Philippe zu unterstützen um ihn zu erhalten? Ich befürchte, dass wir ihn über kurz oder lang verlieren werden, wenn wir nicht klar Stellung dafür einnehmen und bereit sind uns dafür einzusetzen. Das wäre für mich ein weiterer riesiger Verlust auf dem PaLS-Gelände.

In unserem Anspruch nach Vielfalt brauche ich eine klare Stellungnahme für eine ökologisch-nachhaltige Lebensweise. Damit verbunden ist eine immer klarere Abgrenzung von allem, was dem nicht entspricht.

Wenn der Food-Sharing-Fairteiler im Lebensgarten dennoch gewünscht ist, dann möchte ich ihn unserem Anspruch an eine ökologisch-nachhaltige Lebensweise anpassen. Was meine ich damit?

  • nur Bioprodukte – erinnert euch: alles andere sind keine “Lebens“-Mittel, sondern nur leere Hüllen, die durch den hohen Chemieeinsatz in unseren Körpern und auf unserer Erde großen Schaden anrichten!
  • gern mehr Überschuss von Ernst Röhr oder auch von PaLS
  • keine konventionell produzierten Blumen in Plastikverpackung ! Die darin enthaltenen Pestizide landen auf den Komposthaufen in unseren Gärten. Können wir nicht unsere Gärten so gestalten, dass wir in ihnen Blumen “ernten“ können?
  • auf keinen Fall Blumen ohne Fairtrade-Zertifizierung ! Bitte erinnert euch daran, wie Blumen in den armen Ländern unserer Erde produziert werden und unter welchen gesundheitsschädlichen Bedingun-gen Menschen dort in den Plantagen arbeiten müssen! Sie haben oft keine andere Wahl – wir ja!

Ich freue mich auf Kommentare und eine rege Diskussion sowie auf euer Engagement bei LeNa und im Unterstützungsteam für den biologischen Gemüseanbau vor unserer Haustür.

Anne

9 Kommentare zu „Food-Sharing“

  1. Hier stellt sich die Frage, für was der Lebensgarten steht und für was nicht. Wenn uns etwas verbindet, ist es die Toleranz. Dann bitte auch gegenüber denjenigen, die sich Extremökologie nicht leisten können oder wollen. Ich kann nicht zustimmen, dass konventionell hergestellte Lebensmittel „keine “Lebens“-Mittel, sondern nur leere Hüllen, die durch den hohen Chemieeinsatz in unseren Körpern und auf unserer Erde großen Schaden anrichten!“
    Jeder trägt auf seine Weise zu unseren Zielen bei. Wenn er/sie dabei eine andere Ernährung wählt, ist es nicht an uns etwas anders vorzuschreiben und Verbote auszusprechen.

  2. Liebe Anne, danke das du dir die Zeit genommen hast, deine Meinung hierzu der Gemeinschaft mitzuteilen. Da ich der Foodsharing-Verantwortlicher bin, fühle ich mich hiermit direkt angesprochen. Vorab, ich kann deine Einstellung sehr gut verstehen und habe hierzu auch schon viele Diskussionen geführt. Allerdings würde ich gerne vermeiden, dass hier eine ja/nein, schwarz/weiß, Frontenbildung geschieht. Ich sehe das Auseinandersetzen mit den vielen verknüpften Themen rund ums Foodsharing grundsätzlich als Bereicherung an. Mit Helga habe ich eine sehr sachliche, intensive Debatte hierzu geführt und wir sind zu keinem Konsens gekommen. Gerne können wir die Meinungen hier in Form von Kommentaren sammeln, allerdings glaube ich, dass wir nicht um eine Diskussion in größerer Runde herumkommen, die analog stattfindet. Du kennst mich und meine Einstellung und ich glaube mit Transformation 36 und LeNa sind wir auf einem guten Weg Foodsharing biologischer zu gestalten und gesunde Nahrungsmittel sowie eine gesunde Lebensweise wieder mehr im Lebensgarten zu integrieren.

  3. Interessante Diskussion…

    Ich habe mir auch schon öfter Gedanken dazu gemacht.

    Auf der einen Seite teile ich die Gedanken von Anne.
    Ohne Einschränkung.
    Da fehlt mir nichts, was ich noch ergänzen könnte.

    Gerade die Blumen finde ich sehr kritisch.
    Sind in meinen Augen Sondermüll.
    Mit den daran haftenden Giften würde ich meinen Komposthaufen nicht kontaminieren.
    Und die Atemluft zu Hause auch nicht.

    Von den Bedingungen, unter denen diese „produziert“ und transportiert werden, mal ganz zu schweigen…

    Auf der anderen Seite vertraue ich aber voll und ganz den Akteuren des Food-Sharing!

    So wie ich die dort engagierten Menschen erlebe, glaube ich, dass diese Probleme dort durchaus ersthaft gesehen und nicht verdrängt werden und es nach und nach Optimierungen geben wird.
    Irgendwie/irgendwo/irgendwann muss man ja mal anfangen…

    „Kein Foodsharing“ würde das eigentliche Problem jedenfalls nicht lösen.

    Ein Aspekt ist ja auch, dass wir auf diese Weise tagtäglich mit dem Wahnsinn der „billig-billig-Überproduktion ohne Rücksicht auf irgendwas“ konfrontiert werden.
    Dass Regionen in zum Teil ganz anderen Gebieten auf dieser Welt für dieses Konsumverhalten teuer bezahlen (müssen), ist – glaube ich – uns allen bewusst.

    Wir sind nicht zuletzt auch durch das Foodsharing nicht nur Zeuge, sondern auch Teil dieses Systems.
    Möglicherweise wird das Foodsharing hier und da auch als Feigenblatt gesehen.
    („Wir können ruhig weiter machen mit der Überproduktion, die Reste werden ja abgeholt und fairteilt….“).

    Aus meiner Sicht ist es wichtig, festzuhalten, dass es die Überproduktion von Lebensmitteln nicht deshalb gibt, damit es etwas zu fairteilen gibt.
    Es ist genau anders herum:

    Das Foodsharing ist ins Leben gerufen worden, weil es diese Überproduktion gibt und macht auf diesem Wege auf diesen Missstand aufmerksam!

    Das Foodsharing hält uns einen Spiegel vor die Nase.

    Aus dieser Position heraus wird die Motivation, an diesem System etwas zu ändern, größer.
    Die Dringlichkeit wäre für uns deutlich weniger spürbar, wenn wir es nicht täglich erleben würden.

    In diesem Sinne teile ich die die Aussage von Matthias, dass wir um eine Diskussion über den Sinn und aber (wichtig!!) auch über die Ursachen des Foodsharings nicht herum kommen.

    Der Begriff „Extremökologie“ ist mir neu.
    Habe ich noch nie gehört.
    Irritiert mich an dieser Stelle auch etwas.

    Nach meinem Verständnis ist eher alles, was NICHT ökologisch und nachhaltig ist, „extrem“ (wenn ich diesen Begriff überhaupt verwenden wollte).

    So verstehe ich auch die ökologische Vision, die im LG ja erklärtermaßen gelebt werden will.

    Vergl. auch: Satzung des Lebensgarten e.V. §2…
    (Ist auf der Website nirgends zu finden, fällt mir grad auf….)

  4. Wenn wir uns hier im LG als „Ökodorf“ bezeichnen wollen, sollten wir auch die Rücksichtnahme üben. Z.B. im achtsamen Autofahren in einer verkehrsberuhigten Zone. Wenn wir selbst die einfachsten Dinge nicht einhalten können, schiebt sich meiner Meinung nach der Anspruch „Ökodorf“ in gaaaanz weite Ferne und macht für mich die Diskussion über das recyceln von Lebensmitteln zur Farce.

    Genervt?

    Super, dann änderen wir doch alle etwas. Dann brauche ich solche Kommentare nicht mehr schreiben, was mir sehr lieb wäre…
    Meine Meinung!
    Sonnige Grüße vom Buchbinder, der mit dem Sachsenspiegel sogar im NDR Radio war…

    • Ich fände es toll, wenn die, die meinen Kommentar anders sehen vielleicht auch mal was dazu sagen anstelle nur einen Knopf zu drücken. Nur mit Knopf drücken lösen wir die Themen nicht optimal. Siehe Atomkrieg…
      Wenn die Argumente stimmig sind, lasse ich mich auch gerne überzeugen und verliere vielleicht auch mal den Frust, den ich hier zu manchen Themen erlebe.
      Während ich versuche einen ruhigen Text zu schreiben, merke ich wie sich mein Hals zuschnürt.

  5. Blumen, Pestizide wohin, Kinderzugriff jederzeit, haben in mir auch Unwohlsein ausgelöst. Würden die Personen, die Brot aus dem Verteiler nehmen, sonst eigentlich Bio-Brot kaufen und wird das damit unterwandert also nicht unterstützt oder würden die eh nicht….?
    Ich rechne pro Woche im Schnitt mit 4 Stunden Arbeitszeit (pro Tag eine halbe Stunde + Aussortieren, Sauberhalten, zum Kompost bringen). Stelle mir vor, dass man davon vielleicht schon einen schicken Gemeinschafts-Backtag pro Woche organisieren könnte oder Jean-Philippe auf dem Feld helfen könnte (z.B. beim Roggenanbau) gegen Gemüse (gegen 2 Stunden gibt es eine Kiste); etc. oder selbst etwas anbauen könnte. Jeden Tag ist jemand bereit eine halbe Stunde für die gleiche Sache zu investieren, für Nahrung. Da steckt Potential drin für längerfristige/ aufbauende gesunde Sachen.

  6. Zwar freue ich mich über die inhaltlichen Aspekte dieser Diskussion. Sie erinnern mich an viele Schichten und Aspekte unserer gesellschaftlichen Realität. Danke.
    Ob es einen Fairteiler im LG gibt oder nicht, das mag ich aber eigentlich gar nicht kollektiv diskutieren. Ich finde, es passt nicht zum LG, dies zu tun. Stichwort Phantasie und Toleranz.
    Zudem bin ich für mich zu dem Schluß gekommen, daß es viele Wege in die neue Zeit gibt und daß für mich die Diskussion müßig ist, darüber ob man „das System besser von innen oder von außen bekämpft“,
    Es lebe die Vielfalt der Impulse und Absichten.

    • Ich danke euch allen, die ihr mir zu meinen Gedanken bezüglich des Foodsharing-Verteilers hier im LG eine Rückmeldung gegeben habt – schriftlich oder auch im direkten Gespräch. Dadurch kann ich meine Sichtweise überdenken, hinterfragen und erweitern und so meine Haltung zum Thema stärken.

      Ich bin froh, dass ich es gewagt habe, mich zu zeigen. Es war für mich eine gute Übung und eine Gelegenheit, zu beobachten, was eure Kommentare in mir auslösen. Trotz meiner großen Sehnsucht nach Toleranz und Vielfalt, gibt es einen Teil in mir, der sehr empfindlich auf Kritik reagiert und nach Bestätigung sucht. Ein weites Entwicklungsfeld… Danke für diese kostenlosen Lehrstunden 😉

      Ein paar konkrete Antworten auf eure Rückmeldungen:

      Für mich sind Toleranz und Vielfalt mit die wichtigsten Werte.
      Ich möchte nicht so verstanden werden, dass ich Verbote aussprechen oder Vorschriften machen will. Ich habe einen Wunsch geäußert.

      Ich möchte keine Frontenbildung schüren und freue mich über eine große Runde im direkten Austausch mit euch über dieses Thema.

      Auch ich erlebe die dort engagierten Menschen als bewusst und in ernsthafter Auseinandersetzung mit dem Foodsharing. Das hilft mir, an eine positive Entwicklung des Foddsharing-Verteilers zu glauben – hin zu mehr biologischer Nahrung und damit zu einer noch gesünderen Lebensweise hier im LG.

      Auch ich glaube, dass es viele Wege in das neue Bewustsein gibt – zum Glück! Und das hier ist mein Weg 😉

      Ein Satz, der mich gestern im Gespräch mit Michael Krüger beeindruckt hat: „Der Weg ist der richtig, wenn er den Wanderer ernährt.“

      Eine Frage noch:
      Spricht etwas dagegen, auf die Blumen zu verzichten?

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